Urs Christoph Belser ist Professor und Direktor der Abteilung für Kronen-Brückenprothetik und Okklusion am Zahnärztlichen Institut der Universität Genf. Prof. Belser ist in seinem Bereich einer der wichtigsten Meinungsführer mit mehr als 40 Jahren Praxiserfahrung.
 
Was sind die bedeutendsten Entwicklungen in der restaurativen Zahnmedizin der letzten zehn Jahre?

Digitale Abformungen, CADCAM, neue Materialien wie hochfeste Keramiken und Presskeramiken, fortschrittliche Polymer- und Adhäsivtechnologie waren bedeutende Neuerungen, zusammen mit dem zunehmenden Trend zur Anwendung biomimetischer Grundsätze.

Wie wirkt sich die Digitalisierung auf Ihre Arbeit aus?

Die CADCAM-Technologie hat uns Zugang zu neu-artigen Materialien wie Zirkoniumdioxid und Lithium-Disilikat verschafft. Die spektakuläre virtuelle Welt, in die wir eingetreten sind, bietet zahlreiche attraktive Möglichkeiten für Hightech-Restaurationen – von der digitalen Abformung und Behandlungsplanung über die geführte Chirurgie bis hin zu Design und Herstellung von Prothetik. Zudem hat sich die Kommunikation zwischen Gesundheitsdienstleistern und Patienten verstärkt.

Werden eines Tages Roboter die Zahnärzte ersetzen?

Vermutlich nicht, oder nur in spezifischen Bereichen wie der computergeführten Chirurgie.

Ist erstklassige Ästhetik für den Durchschnittspatienten unerschwinglich?

Nicht unbedingt! Natürliche Zähne können mit minimal-invasiven Techniken wie Zahnbleichungen und Laminat-Veneers verschönert werden, die mittlerweile in der Kompetenz des Durchschnittszahnarztes liegen und das Budget des Durchschnitts-patienten nicht sprengen.

Bestimmt heute die Prothetik die Implantologie?

Weitgehend ja, denn teilbezahnte oder zahnlose Patienten verlangen normalerweise Zähne, mehr Stabilität und Komfort, aber nicht direkt Implantate. Also sollte ein Implantat als ‚Krönung‘ einer optimalen Restauration betrachtet werden. Anders ausgedrückt: Implantathersteller sollten sich verstärkt auf die restaurative/prothetische Dimension der Dentalimplantologie konzentrieren, da hier noch immer viel Bedarf für Weiterentwicklungen besteht.

Welchen Einfluss hat die verbesserte Mundhygiene?

Die Prävention oraler Erkrankungen und wirksame Plaquekontrolle bilden die Eckpfeiler der heutigen Zahnmedizin. Evidenzbasierte, prophylaxeorientierte klinische Konzepte verändern sowohl die Gesundheit des Einzelnen als auch die Gesundheitspolitik. Verschiedene europäische Länder verbuchen einen Rückgang an Zahnarztstudenten und eine Zunahme an Dentalhygienikern.

Was dürften die wichtigsten Fortschritte der restaurativen Zahnmedizin in den nächsten 5–10 Jahren sein?

Biomimetik, minimal-invasive Konzepte sowie Techniken und die Entwicklung dazugehöriger Materialien dürften sich weiter verfeinern. Die computergestützte Behandlungsplanung, die 3D-geführte Chirurgie und das virtuelle Design der Rekonstruktionen werden sich deutlich verbessern. Visionäre in der Industrie und an den Hochschulen werden diesen Prozess vorantreiben.

Wo herrscht dringender Bedarf?

Wir brauchen einen intensiveren, effizienteren und auf gegenseitigem Respekt beruhenden Dialog zwischen Industrie, Forschern und Zahnärzten, um künftige Bedürfnisse der Bevölkerung zu ermitteln, sowie eine konkrete Zusammenarbeit, um diese Bedürfnisse zu erfüllen. Entscheidend für den nachhaltigen Fortschritt ist auch die wissenschaftliche Dokumentation.